Natur & Umwelt

Vom Bergwasser und von Flusslandschaften

Ökologen und Ingenieure haben alle Hände voll zu tun.

Noch brüllen die Motoren, es wird geschweißt und gehämmert, die Lastwagen fahren. Kräne hieven Steine hoch, drehen sich, senken die Last wieder. Aber sie geben acht, um die Graureiher in den Baumwipfeln nicht zu vertreiben. Die Natriumdampflampen, die auf der Baustelle angebracht wurden, sind blendfrei und haben mattoranges Licht. Im Leibenfeld bei Deutschlandsberg, der „Schilcher-Stadt“, wo sich Weingärten, Wiesen und Wälder erstrecken und die Laßnitz fließt, nistet eine der größten Graureiherkolonien südlich der Alpen. Die Tiere hocken, Familie neben Familie, in ihren hohen Reisignestern und staksen, auf Futtersuche, im seichten Wasser herum. Nicht weit von ihnen befindet sich das nördliche Portal des Koralmtunnels. Vogelkundler hatten die Kolonie studiert, lange bevor die Tunnelbohrmaschinen losheulten – in der Planungsphase zur Umwelt­verträglichkeits­prüfung. Man arbeitete eine Reihe von Schutzmaßnahmen aus. Die Bäume dürfen nicht in der Brutzeit, sondern nur zwischen August und Jänner gerodet werden. Bei den jährlich durchgeführten Horstzählungen stellte man fest: Die Graureiherkolonie ist intakt.

Wie man ein Stück Lavant verschiebt

Eine Renaturierungsmaßnahme mit enormen Mühen nahmen sich die Umweltexperten, Landschaftsplaner und Wasserbautechniker u. a. auf der anderen Seite des Koralmtunnels vor, im Kärntner Lavanttal: Sie verlegten ein Stück des Flusses, genau genommen 1,4 Kilometer. Man brauchte Platz sowohl für die Hochleistungstrasse der Bahn und den Bahnhof Lavanttal als auch für das Gestein und Geröll, das man Tag für Tag aus dem wachsenden Tunnel karrt. Dadurch verlor man aber Rückhaltevolumen, das die flussabwärts liegende Gemeinde St. Paul mit ihren 21 Ortschaften vor allfälligen Wasserfluten bewahrt. Also musste man – ähnlich wie im Schwarzagebiet, beim niederösterreichischen Portal des Semmering-Basistunnels – Gelände abtragen und neue Retentionsräume anlegen sowie der Lavant, für einen Teilabschnitt, ein neues Bett ausbaggern. 20 Hektar Ausgleichsflächen wurden gewonnen und, nach und nach, eine gesunde Flusslandschaft. Die Lavant selber war lange Zeit, abgetrennt von ihren Nebengewässern, in einem schnurgeraden Graben eingezwängt gewesen. Jetzt darf sie sich, in jenem Abschnitt, wieder winden und schlängeln, ihrer natürlichen Dynamik gemäß, in einem breiteren Bett mit sogenannten aufgeweiteten, einmal steilen, einmal flachen Ufern, mit Schotter- und Sandbänken, Höhlen und Untiefen. Man kann das vom Radweg aus beobachten.

Gelbbauchunke und Alpenkamm-Molch

Die „alte“ Lavant blieb als schwach durchströmter Nebenarm erhalten. Zwischen ihr und dem neuen Flussteil bildeten sich eine Insel mit Auwald, Feuchtwiesen und allerlei Stillgewässern, in die man Totholz einbrachte, Wurzelstöcke und Steine. Man richtete eine Naturruhezone mit Betretungsverbot ein – auf dass sie hier umherflattern und nach Futter picken können: der eilige Flussuferläufer und der flötende Pirol. 2011 war man fertig mit all der Umgestaltung und ein erstes Monitoring zeigte: Die Barben und Äschen tummeln sich im Fluss, Gelbbauchunken und Alpenkamm-Molche in den Tümpeln und in der Wiese leuchten, rot und violett, die kostbaren Lavanttaler Erdorchideen.

4.300 Wasser-Messstellen im Semmeringgebiet

Ein ständiges Auge haben Naturschützer und Wissenschaftler auch auf das Bergwasser der Koralpe und des Semmering. Jahre vorm Tunnelanschlag begannen sie, Daten zu erheben – im Semmeringgebiet an sage und schreibe 4.300 Messstellen; auf der Koralm sind es rund 350. Kleinste Veränderungen werden festgehalten. Man erstellt Karten, erfasst hunderte Quellen, Brunnen, Bäche, man zieht Proben und bringt sie ins Labor. Oberstes Prinzip: Qualität und Quantität des Trinkwassers müssen gewahrt bleiben. Die Koralmquellen – so fand man unterdessen heraus – sind nicht beeinträchtigt vom Tunnelbau: Sie speisen sich aus dem oberflächennahen Bergwasser, jenem im Lockergestein und in der Verwitterungszone. Der Tunnel verläuft viel tiefer. Am Semmering lassen Geologen und Hydrologen Bohrungen durchführen, bis in 850 Meter Tiefe, um das Gestein, das Wasser und dessen Strömen zu erforschen. Tatsächlich muss man mit der Trasse des Basistunnels die wasserführenden Schichten aus Kalk und Dolomit so gut wie möglich umgehen oder auf kürzestem Weg queren. Da, wo es nicht möglich ist, werden bestimmte Gebirgsabschnitte abgedichtet und man gräbt Dränagen, um die Rinnsale umzulenken. Im Grasberg und im Großen Otter, wo das Gestein viel Wasser birgt, errichteten die Ingenieure eigene Wasserleitungen.

60.000 Bäume und Sträucher

Die Renaturierung an der Südstrecke ist noch lange nicht abgeschlossen. Vieles wird man erst in Jahren in vollem Saft sehen, etwa die 7.000 Zwetschken-, Nuss- und Ahornbäume, Weiden, Eschen und Eichen, die an der umgelegten Lavant gepflanzt wurden. Bei Gussendorf an der steirischen Laßnitz, von der auch ein Stück verlegt wurde, setzte man 11.000 Bäume und Sträucher. Alles in allem gedeihen entlang der Südstrecke bereits jetzt über 60.000 neue Pflanzen und es werden noch mehr. Es wird und wächst. Beim Güterzentrum Wien Süd spuckten vergangenes Jahr Volksschulkinder in die Hände. Gemeinsam mit Lehrern und Anrainern hoben sie, neben kleinen Graupappeln und Winterlinden, Vielversprechendes in die Erde: Bäumchen, die einmal Äpfel und Birnen tragen werden, süße Kirschen und weiche Kriecherl.